... singen ist Glückssache

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Georg Friedrich Händels Auferstehung

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Georg Friedrich Händels Auferstehung

Eine Novelle von Stefan Zweig.

Gekürzt und für das mündliche Erzählen überarbeitet von Prof. Siegfried Zimmer

Im aktuellen GiO Projekt Songs from Messiah singen wir 13 neue Songs inspiriert durch das Messias-Oratorium von Georg Friedrich Händel. Prof. Siegfried Zimmers GOSPELHAUS-Predigt vom April 2018 zum Nachlesen und Nachhören gibt Einblicke in das Leben und Schaffen Händels:

Es war in London, am Nachmittag des 13. April 1737. Der Diener Georg Friedrich Händels saß am Erdgeschoßfenster des Hauses in der Brookstreet 25. Er hatte soeben bemerkt, dass sein Tabakvorrat ausgegangen war. Eigentlich hätte er nur zwei Straßen weit zu laufen gehabt, um sich in der Bude seiner Freundin Dolly frischen Knaster zu besorgen. Aber er wagte sich nicht vom Haus weg aus Furcht vor seinem jähzornigen Herrn und Meister. Georg Friedrich Händel war kurz zuvor voller Wut aus der Probe nach Hause gekommen. Mit einem Knall hatte er die Haustür zugeworfen und wanderte jetzt heftig im ersten Stock auf und ab. Der Diener konnte hören wie die Decke knirschte. Es war nicht ratsam, an solchen Tagen lässig im Dienst zu sein.

So suchte der Diener eine andere Ablenkung für seine Langeweile. Statt gekringelten Tabakrauch ließ er aus seiner Tonpfeife Seifenblasen aufsteigen. Er hatte sich einen Napf Seifenschaum zurechtgemacht. Und nun vergnügte er sich damit, aus dem Fenster die farbigen Blasen auf die Straße zu pusten. Die Vorübergehenden zerstäubten im Spaß mit dem Stock die eine oder andere der Kugeln. Sie lachten und winkten. Aber sie wunderten sich nicht. Denn von diesem Haus in der Brookstreet konnte man alles erwarten. Hier dröhnte plötzlich nachts das Cembalo. Man hörte Sängerinnen heulen, wenn sie der Deutsche in seinem Zorn bedrohte, weil sie einen Achtelton zu hoch oder zu tief gesungen hatten. Für die Nachbarn galt Brookstreet 25 seit langem als Narrenhaus.

Der Diener blies also still und beharrlich seine bunten Blasen. Plötzlich erschrak er. Das ganze Haus erbebte von einem dumpfen Schlag. Die Gläser klirrten. Die Gardinen schwankten. Etwas Massiges und Schweres musste im oberen Stock umgefallen sein. Und schon sprang der Diener hoch und die Stufen zum Arbeitszimmer hinauf. Der Sessel war leer, auf dem der Meister bei der Arbeit saß. Das Zimmer war leer. Schon wollte der Diener weitereilen in den Schlafraum. Da entdeckte er Händel. Er lag regungslos auf dem Boden. Die Augen waren starr offen. Und jetzt, als der Diener im ersten Schreck stillstand, hörte er ein schweres Röcheln. Er stirbt, dachte der Diener und kniete sich zu ihm hin. Er versuchte Händel aufzuheben, ihn hinzutragen bis zum Sofa. Aber der Körper des riesigen Mannes war zu schwer. So öffnete er ihm wenigstens das enge Halstuch und sofort hörte das Röcheln auf.

Da kam vom unteren Stockwerk Christoph Schmidt, der Sekretär des Meisters. Er war eben gekommen, um einige Arien zu kopieren. Auch ihn hatte der dumpfe Fall erschreckt. Zu zweit hoben sie den Mann hoch und betteten ihn auf das Sofa. „Zieh ihn aus“, sagte Schmidt, „ich hole einen Arzt“. Christoph Schmidt lief hinaus und winkte den vorbeifahrenden Kutschen. Endlich hielt eine an. „Händel stirbt! Ich muss zu einem Arzt.“ Sofort lud ihn der vornehme Mann in den Wagen. Die Pferde schmeckten die Peitsche. Sie fuhren zu Dr. Jenkins in der Fleetstreet. In seinem leichten Wagen fuhr Jenkins mit Schmidt in die Brookstreet zurück. „Der viele Ärger ist schuld“, klagte der Sekretär während der Wagen rollte. „Sie haben ihn zu Tode gequält, diese Sänger und Kastraten, die Lobhudler und Kritiker. Vier Opern hat er geschrieben in diesem Jahr! Um das Theater zu retten! Seine gesamten Ersparnisse hat er eingesetzt, zehntausend Pfund! Und nun hetzen sie ihn mit ihren Schuldscheinen zu Tode.“

„Wie alt ist er?“, fragte Jenkins.
„Zweiundfünfzig Jahre“, antwortete Schmidt.
„Schlimmes Alter. Er hat geschuftet wie ein Stier. Nun, man wird sehen, was man tun kann.“

Sie kamen in der Brookstreet an. Der Diener hielt die Schüssel hin. Christoph Schmidt hob Händels Arm. Jetzt schlug der Arzt die Ader an. Ein Blutstoß spritzte und im nächsten Augenblick stieß Händel einen Seufzer der Erleichterung aus. Er atmete tief und öffnete die Augen. Sie waren noch fremd und unbewusst. Der Arzt verband den Arm. Es war nicht mehr viel zu tun. Schon wollte er aufstehen. Da merkte er, dass das rechte Auge Händels starr war. Das andere aber bewegte sich. Dr. Jenkins hob Händels rechten Arm. Als er ihn losließ, fiel er zurück. Dann hob er den linken. Der blieb in der neuen Lage. Da wusste Jenkins genug. Als er das Zimmer verließ, folgte Schmidt ihm zur Treppe:

„Was ist es?“
„Die rechte Seite ist gelähmt.“
„Wird… wird er überleben?“
„Vielleicht. Alles ist möglich.“
„Wird er gelähmt bleiben?“
„Wahrscheinlich, wenn kein Wunder geschieht.“
„Wird er wenigstens wieder arbeiten können? Er kann nicht leben, ohne zu arbeiten.“

Dr. Jenkins stand schon an der Treppe. „Das nicht mehr“, sagte er. „Vielleicht können wir den Mann erhalten. Den Musiker haben wir verloren. Der Schlag ging ins Hirn.“

Vier Monate lebte Georg Friedrich Händel ohne Kraft. Seine rechte Hälfte blieb gelähmt. Er konnte nicht gehen, nicht schreiben, mit seiner Rechten keine Tasten drücken. Schief hing ihm die Lippe. Nur lallend kam das Wort aus dem Mund. Wenn Freunde Musik für ihn machten, kam ein wenig Leben in sein Auge. Dann regte sich der schwere Körper. Er wollte sich im Rhythmus bewegen. Doch die Muskeln gehorchten ihm nicht. Der riesige Mann war hilflos eingemauert. Sobald die Musik zu Ende war, fielen ihm die Augenlider zu und er lag wieder starr. Händels Lähmung war offensichtlich unheilbar. Schließlich riet Dr. Jenkins, mehr aus Verlegenheit, man solle den Kranken in die heißen Bäder von Aachen schicken. Vielleicht brächten sie ihm etwas Besserung.

Doch unter der starren Hülle lebte eine enorme Kraft: der Wille Händels. Noch hatte der riesige Mann sich nicht besiegt gegeben. Noch wollte er leben, wollte schaffen. Und dieser Wille bewirkte das Wunder gegen das Gesetz der Natur. In Aachen warnten die Ärzte ihn, länger als drei Stunden in dem heißen Wasser zu bleiben. Sein Herz würde es nicht überstehen. Aber der Wille Händels wagte den Tod um der stärksten Sehnsucht willen: der Sehnsucht gesund zu werden. Neun Stunden blieb Händel täglich zum Schrecken der Ärzte in dem heißen Bad. Und mit dem Willen wuchs ihm die Kraft. Nach einer Woche konnte er sich schon wieder schleppen. Nach einer zweiten konnte er den Arm bewegen. Ein Sieg des Willens und der Zuversicht. Er riss sich los aus der lähmenden Umstrickung, um das Leben zu umfassen, glühender als je zuvor. Mit jenem unsagbaren Glücksgefühl, das nur der Genesende kennt.

Am letzten Tag, als Händel von Aachen abreisen sollte, machte er vor einer Kirche Halt. Nie war er besonders fromm gewesen. Aber jetzt, als er im wiedergegebenen freien Gang zur Empore hinaufschritt, fühlte er sich vom Unermesslichen bewegt. Er setzte sich an die Orgel. Er berührte mit der Linken probierend die Tasten. Es klang durch den wartenden Raum. Nun versuchte er zögernd die Rechte. Auch unter ihr sprang der Klang empor wie eine silberne Quelle. Allmählich begann er zu spielen, zu phantasieren. Und es riss ihn mit. Unten fanden sich immer mehr Hörer ein. Sie spürten das Ungewohnte dieses Spiels. Und Händel spielte und spielte. Er hatte seine Sprache wiedergefunden. Er konnte wieder musizieren, wieder schaffen. Nun erst fühlte er sich wiederhergestellt.

„Aus dem Hades bin ich zurückgekehrt“, sagte Georg Friedrich Händel, nach London zurückgekehrt, stolz zu Dr. Jenkins und streckte ihm beide Arme entgegen. Dieser konnte nicht umhin, das Wunder zu bestaunen. Und mit voller Kraft warf Händel sich unverzüglich wieder ins Werk. Die alte Lust war über den Dreiundfünfzigjährigen gekommen. Eine Oper schrieb er, eine zweite, eine dritte, die Oratorien „Saul“ und „Israel in Ägypten“ und das „Allegro e Pensieroso“.

Doch die Zeitumstände waren gegen Händel. Der Tod der Königin unterbrach die geplanten Aufführungen. Dann begann der spanische Krieg. Auf den öffentlichen Plätzen sammelte sich täglich eine Menge. Das Theater blieb leer und Händels Schulden türmten sich. Dann kam jener harte Winter. Solche Kälte fiel über London, dass die Themse gefror. Mit klirrenden Schellen fuhren die Schlitten über den Fluss. Alle Säle wurden während dieser Zeit geschlossen. Keine Musik trotzte dem Frost in den Räumen. Dann erkrankten viele der Sängerinnen und Sänger. Eine Vorstellung nach der anderen musste abgesagt werden. Händels Lage wurde zunehmend schlimmer. Die Gläubiger drängten. Die Kritiker höhnten und das Publikum blieb gleichgültig. Eine Wohltätigkeitsvorstellung zu seinen Gunsten rettete Händel gerade noch vor dem Schuldturm. Aber was für eine Schande, sich als Bettelnder das Leben zu erkaufen! Händel verschloss sich immer mehr. Drei Jahre nach seinem Schlaganfall war er wieder am Ende. Diesmal aber fühlte er sich auch selbst als besiegter Mann. Mühsam raffte er noch aus früheren Werken einige Ideen zusammen. Ab und zu komponierte er noch kleinere Stücke. Aber versiegt war das große Strömen. Wozu hat Gott mich gesund werden lassen? dachte Händel. Besser, ich wäre gestorben, statt als Schatten meiner selbst dahinzuschleichen. Und im Zorn murmelte er manchmal: „Gott, warum tust du das?“

Ein verzweifelter Mann, der nicht mehr an seine Kraft und auch nicht mehr an Gottes Hilfe glaubte. Erst spät abends wagte Händel sich in jenen Monaten aus dem Haus. Manchmal überlegte er, ob er nicht fliehen solle nach Irland hinüber, nach Deutschland oder nach Italien. Vielleicht, dass dort noch einmal der innere Frost auftauen würde, vom Südwind berührt. Manchmal saß er in einer Kneipe. Doch wer den Rausch des Schaffens kennt, für den ist Alkohol kein Ersatz. Manchmal starrte er von der Brücke der Themse in das nachtschwarze Fließen. Ob es nicht besser wäre, mit einem entschlossenen Ruck alles hinter sich zu bringen?

21. August 1741. Erst nachts war Händel fortgegangen. Er wollte im Green Park ein wenig Luft schöpfen. Dort hatte er eine Zeitlang gesessen. Wie eine Krankheit lastete diese Müdigkeit auf ihm. Müdigkeit zu reden, zu schreiben, zu spielen, zu denken. Dann war er heimgegangen, Pall Mall entlang und die Sankt Jamesstreet. Nur von dem Gedanken bewegt: schlafen, nichts mehr wissen. Im Haus Brookstreet 25 war niemand mehr wach. Endlich war er im Zimmer. Er schlug das Feuerzeug an und entflammte die Kerze am Schreibpult. Ohne zu denken tat er es, mechanisch, wie er es Jahre getan hatte, um sich an die Arbeit zu machen. Denn früher brachte er von jedem Spaziergang eine Melodie nach Hause mit. Immer schrieb er sie dann sofort auf, um das Erdachte nicht an den Schlaf zu verlieren. Jetzt aber lag kein Notenblatt dort. Es gab nichts zu beginnen und nichts zu beenden. Der Tisch war leer.

Doch nein, er war nicht leer! Leuchtete im hellen Viereck der Lampe nicht etwas Papierenes und Weißes? Händel griff hin. Es war ein Paket. Er fühlte Geschriebenes darin. Rasch brach er das Siegel auf. Ein Brief lag zuoberst. Ein Brief von Jennens, dem Dichter, der ihm den Text zu „Saul“ und „Israel in Ägypten“ geschrieben hatte. Er sende ihm, schrieb Jennens, eine neue Dichtung und hoffe, Händel werde sich seiner Worte erbarmen und sie auf den Flügeln seiner Musik in das Land hinaustragen. Händel war unangenehm berührt. Wollte dieser Jennens ihn verhöhnen, ihn, den Ausgebrannten? Mit einem Riss zerfetzte er den Brief. „Schuft!“ flüsterte er. In seine tiefste Wunde hatte Jennens gestochen. Zornig blies er das Licht aus. Er ging in sein Schlafgemach und warf sich auf das Bett. Tränen traten ihm plötzlich in die Augen. Der ganze Leib zitterte in der Wut seiner Ohnmacht. Nur schlafen jetzt, an nichts denken. Aber er konnte nicht schlafen. Eine Unruhe war in ihm, aufgewühlt vom Zorn. Eine böse Unruhe. Händel wurde wacher und wacher. Ob er nicht doch aufstehen sollte und den Text prüfen? Er stand auf. Er ging in das Zimmer zurück und schlug nochmals das Licht an. Er schob die Leuchte näher an die beschriebenen Blätter heran. „Der Messias“ stand auf der ersten Seite. Ach, wieder ein Oratorium, dachte Händel. Die beiden letzten waren schon nicht gut angekommen. Doch unruhig wie er war, wendete Händel das Titelblatt und begann zu lesen.

Gleich beim ersten Wort zuckte er zusammen: „Sei getrost!“ Wie ein Zauber war es, dieses Wort. Nein, nicht Wort, sondern direkte Anrede. Gerichtet an niemand anders als an ihn persönlich. Ein Ruf aus dem Himmel mitten in sein Herz. „Sei getrost!“ Händel stand da. Zu unvorbereitet getroffen von diesem Wort. Er konnte es nicht fassen, wie es wirkte und seine verschüchterte Seele erwärmte. Ein schaffendes, erschaffendes Wort. Und schon, kaum gelesen, kaum erfühlt, hörte Händel es als Musik. Er hörte wieder in Musik!

Seine Hände bebten, als er nun Blatt um Blatt las. Und jedes Wort griff nach ihm. „So spricht der Herr!“ War das nicht ihm gesagt? „Er wird dich reinigen.“ Das war ihm geschehen. Denn weggefegt war mit einem Mal die Schwermut aus seinem Herzen. „Dass sie Opfer darbrächten dem Herrn.“ Ja, eine Flamme schlug aus seinem Herzen hinauf zu ihm. Und kaum gelesen, schon klang es und formte sich. „Denn der Engel des Herrn trat zu ihnen.“ Er war auch in diesen Raum getreten und hatte ihn angerührt.

Händel beugte sich über die Blätter wie unter einem Sturm. Alle Müdigkeit war dahin. So hatte er noch nie seine Kraft gefühlt und die Lust des Schöpferischen. „Rejoice“ – „Freue dich!“ Er hörte dieses Wort bereits als Chorgesang. Dann las Händel die Worte: „Er war verachtet und die ihn sahen lachten über ihn. Da war keiner, der ihm Trost gab. Aber er vertraute Gott. Und siehe, Gott ließ ihn nicht im Grab seiner Verzweiflung, nicht in der Hölle seiner Ohnmacht. Einem Gebundenen gab Gott die Seele zurück.“ Händel kam es vor, als wäre jedes Wort für ihn gesprochen. Wie konnte er ein solches Schicksal mitfühlen! Auch ihn hatte seit Monaten kein Mensch mehr getröstet. Und plötzlich erschauerte er. Da stand von des armen Jennens Hand geschrieben: „Der Herr gab das Wort.“ Hier wurde Wahrheit gesagt durch zufälligen Menschenmund. Kein anderer als Gott selbst hatte dieses Wort gesandt. Von ihm kam das Wort, nicht von Jennens. Zu ihm zurück musste es gehen. Händel wollte es fassen und halten das Wort, es dehnen und spannen. Weit sollte es werden wie die Welt. Aufsteigen und niedersteigen sollte es die Jakobsleiter der Töne. Tränen dunkelten Händel das Auge, so sehr drängte es in ihm. Noch waren die restlichen Blätter zu lesen, der dritte Teil des Oratoriums. Aber es schmerzte schon wie Feuer, das strömen wollte. Es wollte aus ihm heraus, wollte dorthin zurück, woher es kam. Hastig griff Händel zur Feder und zeichnete Noten auf. Es gab kein Halten mehr. Wie ein Schiff, die Segel vom Sturm erfasst, riss es ihn fort. Ringsum schwieg die Londoner Nacht. Doch unhörbar tönte das Zimmer von Musik.

Als der Diener am nächsten Morgen eintrat, saß Händel noch immer am Arbeitstisch und schrieb. Er antwortete nicht, als Christoph Schmidt ihn fragte, ob er beim Kopieren behilflich sein könne. Er knurrte nur dumpf und gefährlich. Keiner wagte sich mehr an ihn heran. Und Händel verließ das Zimmer nicht in diesen drei Wochen. Wenn man ihm das Essen brachte, brockte er mit der linken Hand hastig ein paar Krumen Brot ab. Die Rechte schrieb weiter. Er konnte nicht aufhören. Wenn er aufstand und durch das Zimmer ging, laut singend und taktierend, blickten seine Augen fremd. Wenn man ihn ansprach, erschrak er und seine Antwort war verworren. Der Diener hatte schwere Tage. Es kamen die Gläubiger, um ihre Schuldscheine einzulösen, die Sänger, um ihre Festtagskantate zu erbitten. Der Diener musste sie alle abweisen. Wenn er versuchte, sich an den Arbeitenden zu wenden, fuhr ihm ein gereizter Zorn entgegen. Georg Friedrich Händel wusste in jenen Wochen nicht um Zeit und Stunde. Er schied nicht Tag und Nacht. Er lebte in Rhythmus und Takt. Er sang. Er griff in das Cembalo. Dann setzte er sich wieder hin und schrieb bis ihm die Finger schmerzten. Nie hatte er so gelebt, so gelitten in der Musik. Endlich, nach drei Wochen – unfassbar bis heute -, am 14. September 1741, war das Werk beendet. Das Wort war Ton geworden. Händel stand mühsam auf. Er wusste kaum wo er war. Nur Müdigkeit fühlte er, unermessliche Müdigkeit. Entschwunden war ihm die Kraft. Dann fiel er auf das Bett und schlief wie ein Toter.

Dreimal hatte der Diener im Laufe des nächsten Vormittags die Tür aufgeklinkt. Händel schlief noch immer. Wie aus blassem Stein gehauen lag sein verschlossenes Gesicht. Zur Mittagszeit versuchte der Diener ein viertes Mal ihn zu wecken. Er räusperte sich laut. Er klopfte vernehmlich. Aber in die Tiefe dieses Schlafs drang kein Laut. Am Nachmittag kam Christoph Schmidt zu Hilfe. Noch immer lag Händel in dieser Starre. Sie befürchteten, ein Schlaganfall könnte ihn nochmals niedergeschmettert haben. Als am Abend Händel trotz allem Rütteln noch immer nicht erwachen wollte – siebzehn Stunden schlief er schon -, holte Christoph Schmidt wieder den Arzt. Als Dr. Jenkins hörte, dass es um Händel ging, holte er sein chirurgisches Besteck, um den wahrscheinlich nötigen Aderlass vornehmen zu können.

Als sie in der Brookstreet ankamen, stand der Diener schon vor dem Haus. Mit beiden Armen winkte er ihnen entgegen. „Er ist aufgestanden“, rief er über die Straße ihnen zu. „Und jetzt isst er wie sechs Lastträger.“ Selten hatte Händel so herzhaft gelacht wie in diesem Augenblick, als er den Arzt in einer Stunde kommen sah, in der er sich gesünder fühlte als je zuvor. Er hob den Krug zum Gruß. „Hol mich dieser oder jener“, staunte Dr. Jenkins. „Was ist mit Euch los? Was für eine Mixtur habt Ihr getrunken? Ihr platzt ja vor Leben!“ Händel blickte ihn lachend an. Dann wurde er ernst. Er stand auf und ging an das Cembalo. Er sang und spielte das Rezitativ „Vernehmt, ich spreche ein Geheimnis aus“. Es waren Worte aus dem Messias. Scherzhaft hatte Händel begonnen. Aber kaum begonnen, zog es ihn mit. Im Spielen vergaß er die anderen und sich selbst. Plötzlich war er wieder mitten im Werk. Er sang und spielte die letzten Chöre, die er zuvor wie im Traum gestaltet hatte. Jetzt hörte er sie zum ersten Mal bei vollem Bewusstsein.

13. April 1742, der Tag der ersten Aufführung des „Messias“. Vor den Türen des Saales staute sich die Menge. Die Damen waren ohne Reifröcke gekommen, die Kavaliere ohne Degen. So hatten mehr Zuhörer Platz im Saal. Bereits durch die vorausgegangenen Proben hatte sich der Ruf des Werkes verbreitet. Als die Musik begann, wurde das Lauschen immer lautloser. Händel stand bei der Orgel. Er wollte sein Werk überwachen. Aber es riss sich los. Es wurde ihm fremd. Als am Ende das „Amen“ ertönte, sang Händel mit dem Chor.

Nichts mehr vermochte Händel von jetzt an zu beugen. Noch einmal ging die Operngesellschaft bankrott, die er in London gegründet hatte. Abermals hetzten ihn die Gläubiger mit Schulden. Nun aber stand er aufrecht. Unbekümmert schritt der Sechzigjährige seinen Weg. Das Alter höhlte allmählich seine Kraft. Es lahmten die Arme. Die Gicht krampfte die Beine. Aber mit unermüdlicher Seele schuf er weiter. Schließlich versagte das Augenlicht. Während er seinen „Jephta“ schrieb, erblindete er. Doch mit verschlossenem Auge, wie Beethoven mit verschlossenem Ohr, schuf er weiter. Wie alle wahren Künstler rühmte Händel seine eigenen Werke nicht. Doch eines liebte er: den „Messias“. Für keine der zahlreichen Aufführungen des Messias, die Händel erlebte und leitete, hat er je Geld angenommen. Er widmete dieses Werk und den Erlös den Armen und Gefangenen der Stadt London. Er schrieb: „Kein Geld für dieses Werk. Nie will ich Geld dafür nehmen. Ich stehe da in eines anderen Schuld. Es soll den Kranken gehören und den Gefangenen. Denn ich war krank gewesen und bin daran gesundet. Ich war ein Gefangener und es hat mich befreit!“

Mit diesem Werk wollte Händel Abschied nehmen. Am 6. April 1759, schon schwer erkrankt, ließ sich der Vierundsiebzigjährige noch einmal nach Covent Garden aufs Podium führen. Da stand er inmitten seiner Musiker und Sänger. Als die Woge der Töne gegen ihn rollte, sang er mit als betete er um seine und unser aller Erlösung. Ergriffen führten die Freunde den Blinden nach Hause. Auch sie fühlten: es war ein Abschied gewesen. Am Karfreitag, den 13. April 1759, verließen Händel die Kräfte. Er sah nichts mehr. Er hörte nichts mehr. Unbeweglich lag der massige Leib in den Kissen wie ein leeres, schweres Gehäuse. Aber wie die leere Muschel vom Tosen des Meeres rauscht, so rauschte innen unhörbar Musik. Am nächsten Tag – noch waren die Osterglocken nicht erwacht – starb dahin, was an Georg Friedrich Händel sterblich war.